junges theater spectaculum e.V.

Holsteiner Courier, Samstag, 13. Mai 1989

Zur Aufführung eines Rock-Musicals in der Stadthalle

"Zoff" traf ins "Schwarze"

Zweimal "Zoff" in Neumünster - zunächst die Uraufführung des Rock-Musicals im ausverkauften Theater mit halbstündigen "standing ovations"; drei Tage später eine ebenfalls mit großer Begeisterung aufgenommene Vorstellung, die auch erst nach dem Erklatschen mehrerer Zugaben zu Ende ging.

Die lautstarke Zustimmung galt allen Mitwirkenden, die sich zu einer Gemeinschaftsproduktion zusammengetan hatten: den Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums und der Realschule Kronshagen, des Gymnasiums Elmschenhagen, ihren Lehrern und einer fünfköpfigen Band, die sich aus Mitgliedern der ehemaligen Schulband "Macht nix" und der Kieler Oldie-Rock-Band "Stop & Go" zusammensetzt.

Die Zuschauer begeisterten sich für die rockende, swingende, mitreißend dargebotene Musik (komponiert von den Mitgliedern der Band und dem Hauptdarsteller und -sänger Thorsten Scholz); einige Songs erwiesen sich schon beim zweiten Hören als wahre Ohrwürmer; sie waren bestens geeignet, die Seelenzustände der Personen auszudrücken. Heftig beklatscht wurden auch die Darbietungen des Pop-Chors (Leitung: Claus Merdingen) und der Rock'n'Roll-Tänzer (Leitung: Ingo Mitzloff). Nicht weniger gelungen die Spielidee und ihre Umsetzung (Gunter Hagelberg). Es geht um Themen, die den jungen Menschen genau auf den Leib geschrieben sind, entnommen den Lebensbereichen, die ihnen am vertrautesten sind: Schule, Elternhaus, Freunde und "Feinde". Sie durften sich selbst darstellen, ihre Probleme, ihre Freuden, ihre Nöte, ihre Ängste artikulieren, in ihrer Sprache, mit ihrer Musik. Diese Jugendlichen, Eltern und Lehrer bieten unzählige Identifikationsmöglichkeiten, wecken spontan Sympathie, Verständnis, Ablehnung, Aufmüpfigkeit oder Anteilnahme.

In den "Leitfiguren" Anne und Mike treffen zwei Weltanschauungen, zwei soziale Klassen zusammen, ziehen sich an, versuchen einander zu verstehen, erleben Konflikte miteinander, mit Eltern, Lehrern und Freunden.

Anne ist die wohlbehütete Tochter besorgter Eltern (ausgezeichnet Anne Conradi und Wilfried Goebel), das "ordentliche, nette, anständige" Mädchen; Mike, der Rockmusiker, kann bürgerliche Enge und Zwänge nicht ertragen, begegnet "Leistungsdruck" mit totaler Auflehnung, ist ständig "frustriert", übersteht den Alltag nur mit Hilfe von Alkohol, Drogen, Feten und seinen grotesk-realistischen Kumpeln aus der "Szene".

Anne und Mike gehen aufeinander zu, und jeder kommt ein Stück "aus seiner Ecke" heraus: der aggressive Mike wird etwas sanfter und ruhiger, die schüchterne Anne wird mutiger, spontaner und selbstbewußter; sie helfen sich gegenseitig auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Aber nicht nur sie machen neue Erfahrungen, auch die Eltern müssen begreifen, daß ihre Tochter "über den Zaun gesprungen" ist.
Scharf beobachtet präsentiert sich eine Auswahl des "Lehrkörpers"; auch der Elternabend gerät belustigend "echt".

Es ist immer etwas ungerecht, bei vielen überzeugenden Leistungen einige herauszuheben, doch die Hauptrollen müssen besonders erwähnt werden: Anne (Wiebke Puls) und Mike (Thorsten Scholz) beeindruckten durch ihre persönliche Ausstrahlung, durch viele darstellerische Nuancen, mal fast schon profihaft, dann wieder voll anrührender Naivität und immer mit viel Spontaneität.
"Zoff" war eine ganz tolle Sache und traf genau ins "Schwarze". K.H.


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