Kieler Nachrichten, Montag, 29. Mai 1989
Das Kieler Rockmusical "Zoff": Eine Schultheater-Produktion macht Furore
Von der Szene auf die Bühne
Die Schülerin Anne wird von ihren bürgerlichen Eltern ein bißchen zu wohl behütet und ein wenig streng vor den Gefährdungen des Alltags bewahrt. Ihr Mitschüler Mike hat sich schon auf die eigenen Füße gestellt: Er singt in der Schulband, besucht den Unterricht nur sporadisch und kanalisiert ansonsten Unlust und Unzufriedenheit in Kneipenbummel und Feten und die Betäubungsmittel Alkohol, Videos, leichte Drogen. Anne und Mike verlieben sich und verstärken damit ihre Konflikte mit sich, den Eltern, den Freunden, den Lehrern. Eine simple und eine schöne Geschichte, der richtige Stoff für "Zoff", ein Rockmusical, das als Gemeinschaftsproduktion des Gymnasiums und der Realschule Kronshagen und des Gymnasiums Elmschenhagen im Kieler Schauspielhaus Premiere hatte und einen triumphalen Erfolg feierte.
Der Jubel war ganz offensichtlich nicht nur getragen vom Wohlwollen des freundschaftlichen Publikums, sondern gründet sich auf den Schwung der Begeisterung, der von der Bühne über die Rampe schwappte, und vor allem auf eine fast professionelle Gesamtleistung, die über das Niveau von Laientheater herausragt. Gunter Hagelberg, Lehrer am Kronshagener Gymnasium, hat die Texte zu diesem Musical zusammen mit seinen Schülern dem Szene-Jargon abgelauscht und in eine Form verdichtet, die dem Genre angemessen ist. So wird in stimmigen, atmosphärisch dichten Dialogszenen die Handlung vorangetrieben, und durch die Musiknummern, die die Gefühle der Figuren reflektieren, erhält die Aufführung den Glanz einer Revue.
"Zoff" bringt lebensnahe Geschichten und Situationen auf die Bühne, da erkennen sich die Akteure und die Zuschauer oft wieder wie in einem Spiegel, obwohl die Rollen meist musterhaft zugeschnitten sind und die Texte zu Klischees gerinnen. Doch das gehört zu den Regeln, nach denen die Gattung Musical funktioniert.
Als Regisseur bringt Gunter Hagelberg das Kunststück fertig, die natürliche Spiellaune der Schüler zu formen und ihr die vitale Frische zu bewahren. Da kommt ihm die unverdorbene Anmut der Jugendlichen entgegen, die seinen Kollegen, wenn sie in den Rollen von Lehrern und Eltern agieren, schon abhanden gekommen ist.
Die Musik, die unter der Leitung von Lothar Köhrsen der Aufführung ihren dynamischen Drive gibt, zeigt deutlich die Handschrift versierter Instrumentalisten (von der ehemaligen Elmschenhagener Schulband "Macht nix" und der Kieler Oldie-Rock-Formation "Stop & Go") und eines erfahrenen Musiklehrers (Claus Merdingen). In einen soliden, vorwärtstreibenden Rock-Sound mischen sich vielfältige Stilelemente, so entstehen Rhythmen, die in die Glieder fahren, und Songs, die im Bauch kitzeln. Als Sänger offenbaren die Hauptakteure (besonders Wiebke Puls, Kirsten Nordhofen, Thorsten Scholz) erstaunliche Stimmfülle und Rock-Feeling.
Das Rockmusical "Zoff" sprengt als Produktion von unschätzbarem pädagogischem Wert den Rahmen und die Qualitätsmaßstäbe üblicher Schultheaterarbeit. Den Machern und Geldgebern (Kultusministerium, Stadt Kiel, Gemeinde Kronshagen, private Spender) dankt Kiel einen musikalisch-theatralischen Knüller, dem das Publikum in hellen Scharen zulaufen dürfte. CHRISTOPH MUNK
Weitere Aufführungen: Bürgerhaus Kronshagen (6., 7., 8. Juni), Pumpe (10., 20. Juni), Gymnasium Elmschenhagen (12. Juni), Barlach-Gymnasium (14. Juni), Musikzelt Spiellinie (20. Juni), Musikschule Glinde (22. Juni), Ferienpark Holm (6. Juli), Markthalle Hamburg (9. Juli).
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