junges theater spectaculum e.V.

Kieler Woche Magazin, Samstag, 24. Juni 1989

"Zoff" - ein Rockmusical von Schülern

Daß Schüler Theater spielen, ist inzwischen keine Seltenheit mehr. Ungewöhnlich ist jedoch die Aufführung eines Rockmusicals.

"Zoff" ist eine Koproduktion von Schülern des Emlschenhagener und des Kronshagener Gymnasiums. Der Text stammt von dem Deutsch- und Sportlehrer Gunter Hagelberg, die Musik und das Arrengement von der Band um den Hauptdarsteller Thorsten Scholz.

Zum Inhalt: Die brave Schülerin Anne (Wiebke Puls) darf an der geplanten Ski-Reise nicht teilnehmen. Sie muß während dieser Zeit eine andere Klasse besuchen. Dort hat sie - sofort als Streberin abgestempelt - einen schlechten Stand. Schließlich lernt sie Mike (Thorsten Scholz) kennen und lieben. Dieser ist ein Außenseiter, der sich nicht anpassen will, die Schule schwänzt und lieber mit den Freunden von seiner Band herumzieht. Logisch, daß es zwischen den Beiden öfter mal zu einem handfesten Krach kommt.

Ärger hat Anne aber auch mit ihren Eltern, denen die jüngste Entwicklung ihrer Tochter gar nicht gefällt. Das Kind treibt sich auf Feten herum und arbeitet nicht mehr so "eifrig" für die Schule. Es gibt daher jede Menge Zoff ... .

Faszinierend sind die schauspielerischen Leistungen und die dramaturgischen Einfälle. So wird z.B. durch eine gelungene Pantomime das Entsetzen der Klasse über einen unangekündigten Test ausgedrückt. Fast schon ins Akrobatische geht die Darstellung einer Busfahrt während eines Schulausflugs: Die Vorderen nehmen auf den Knien der Hinteren Platz.

Eingängig sind auch die spritzige und variationsreiche Musik. Die Songs haben Pep. Melodie und Rythmus sind gut auf den prägnanten Text sowie die Situation abgestimmt. Der wütende polternde Vater wird daher von lauter aggressiver Musik begleitet, "romantische" Szenen zwischen Mike und Anne sind ruhiger gehalten.

Das Musical hat jedoch nicht nur Unterhaltungswert. Es werden Themen angesprochen, die für Jugendliche wichtig sind, z.B. die erste Liebe, Drogen, Alkohol oder Generationskonflikte. So wird auch die wesentliche Frage "Was sind die Aufgaben der Schule - bloße Vermittlung von Wissen oder auch Hilfe bei persönlichen Krisen?" gestellt. "Zoff"regt daher auch zum Nach- und Weiterdenken an. Es ist ebenso für ältere Semester interessant.

Einziger Mangel: Der Schluß gibt keine Lösung der Probleme. Die Eltern von Anne finden sich zwar damit ab, daß ihre Tochter erwachsen wird "sie springt jetzt übern Zaun!", es ist am Ende auch nicht klar, ob Mike, der nicht eingeengt werden möchte, wieder ins Gleichgewicht kommt. Es gibt auch keine Ideen, wie man der Drogensucht und der Inaktivität vieler Jugendlicher begegnen könnte. Hier wären Ansätze für eine erfolgreiche Hilfe unbedingt nötig.

Es handelt sich trotz dieses Kritikpunktes um eine großartige Aufführung. Der Elan, den die ca. 70 Schülerinnen an den Tag legen, ist deutlich zu sehen. Macht es Jugendlichen doch mehr Spaß, etwas zu spielen, das unmittelbar mit ihren eigenen Problemen zutun hat, als ein Theaterstück, das ihnen vö11ig fern stehende Konflikte behandelt?

Beachtlich ist, daß die Lehrer nicht nur hinter den Kulissen arbeiten, sondern mit den 17-26 Jährigen auf der Bühne stehen.

Wer sich dieses lebendige Rockmusical, für das die Gruppe ein Jahr lang kontinuierliche Arbeit geleistet hat, noch ansehen möchte, hat dazu die Gelegenheit am 6.7. im Ferienzentrum Holm, am 9.7. in der Markthalle in Hamburg und am 10.7. im Kieler Schloß.
asl


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