junges theater spectaculum e.V.

Kieler Nachrichten, Donnerstag, 11. April 1991

Premiere für das Sporttheater "spectaculum"

Mit dem Körper Geschichten erzählt

Der Applaus im ausverkauftem Kieler Schloß kam schon vorweg, steigerte sich zur Pause zum unüberhörbaren Jubel und endete mit standing ovations. Rechnet man nun ab, daß wahrscheinlich rund zwei Drittel des Premierenpublikums mit den Mitwirkenden in irgendeiner Form verwandt, verschwägert oder persönlich bekannt war, kommt man zu einer realistischeren Einschätzung des großen Spektakels um das Sporttheater spectaculum. Kreislauf der Kontraste hieß die effektvolle Show, mit der der künstlerische Leiter Gunter Hagelberg nach seiner vielgelobten Inszenierung des Rock-Musicals "Zoff" sein jüngstes Projekt vorstellte.

Parallelen zum Erfolgsmusical "Zoff" fanden sich jedoch nur am Rande. Mit von der Partie war auch diesmal die siebenköpfige Live-Band, die alle rockig-fetzigen Musikstücke selbst komponierte und textete. Und ebenso wie bei "Zoff" waren auch die fast 200 spectaculum-Mitwirkenden zumeist Laien. Schüler, Studenten, Berufstätige und Hausfrauen fanden sich vor knapp einem Jahr in dem Verein zusammen, um mit Ausdrucksmitteln des Sports Theater zu machen, also (körper) bewegte Geschichten zu erzählen. Mit einfachen Mitteln sollte die Phantasie der Zuschauer angeregt werden - was zum großen Teil gelang.

Wenn zehn- bis zwölfjährige mit Hilfe eines Fallschirms eindrucksvoll Meerestiere nachbilden oder wenn Rollschuhläufer als Raupe verkleidet gefräßigen Raben ein Schnippchen schlagen, weil sie sich in bunt-flatternde Schmetterlinge verwandeln, bevor die Vögel zu ihrem Imbiß kommen - dann wird sichtbar, daß es keiner sportlichen Höchstleistungen bedarf, um trotzdem gut zu unterhalten. Allein Motivation und Kreativität zählen.

Die Raupe

Märchenhafte Bühnenshow: Eine Raupe auf Rollschuhbeinen - "Spectaculum"-Szene Foto uk

Doch zu einer wirklich spektakulären Show wurde spectaculum erst durch ausgefeilte und verschwenderisch eingesetzte Lichteffekte: Bei Schwarzlicht besehen, wandelte sich ein verheißungsvoller Striptease in pures Nichts, hat die "Dame in weiß" erst einmal ihre Wäsche abgelegt. Bälle, Ringe und Tücher - getaucht in floureszierende Farben - schufen ein traumhaftes Unterwasser-Ambiente, wenn sie rhythmisch von unsichtbaren Jongleuren bewegt wurden, während gleichzeitig ein überdimensionaler Fisch die Bühne "durchschwamm". Der Teufel im Batman-Kostüm mischte in der Walpurkisnacht kräftig mit: unsichtbare Rhönräder dienten - perfekt in die Choreographie eingebunden - ebenso als marterndes Teufelswerkzeug wie als heilsbringendes Fluchtgerät.

Ästhestisch und gekonnt wirkten auch die fast akrobatischen Jazztanz-Nummern: durchtrainierte, biegsame Mädchenkörper in glitzernden Trikots bestachen durch Präzision. Doch wenn Geschichtenerzählen sich auf reine Körpersprache beschränkt, mit der auch noch der Lauf der Welt erklärt werden soll: dan wirkt es bald ein wenig langweilig. Und auch dem Zusammentreffen steppender Streetkids mit blasierten, kastagnetten-klimpernden Südländerinnen hätte ein wenig mehr Zoff besser getan, bevor es zur friedvollen, weil rhythmusverwandten, Völkerverständigung kam.

Da konnte die übersprühende Spielfreude, die bei jeder Nummer erneut sichtbar wurde, nicht verdecken, daß das "spectaculum" Spektakel insgesamt eigentlich zu lang und zu kontrastarm war, ihm vor allem ein verbindender "roter Faden" fehlte, der die Spannung bis zum besinnlichen Ende hätte halten können. Doch bei fast 200 Mitwirkenden, die alle ein Recht auf das Bestaunen ihrer Leistung hatten, wäre eine Straffung des Programms sicherlich zu viel verlangt.

(Weitere Aufführungen in Kiel, am 16. und 18. April und 1. Mai im Schloß, arn 17. Mai im Opernhaus). kar


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