junges theater spectaculum e.V.

Nordschleswig, Dienstag, 9. März 1993

Mensch, Menschin!

Vor der Generalprobe wird noch schnell die Nase gepudert. Beim Rock-Musical "Mensch, Menschin!" mit dem "jungen theater spectaculum" aus Kiel (hier Simone Grubert und Jörn Galley) wurden Klischees angestochert (Foto: Karin Riggelsen)

Geschlechter in Rollenspiel festgefahren

"junges theater spectaculum" probte mit Rock-Musical "Mensch, Menschin!" am Knivsberg

jan. APENRADE. Es ist schon ein starkes Stück, das RockMusical "Mensch, Menschin!" vom "jungen theater spectaculum", Kiel, das am Sonnabend in einer Generalprobe im Jugendhof Knivsberg gezeigt wurde. Nach einer Idee und mit Text von Gunter Hagelberg, Musik Lothar Köhrsen, geht es im Musical um dünne und dicke, emanzipierte und angepaßte Frauen und die Probleme, die sie mit Männern und wegen der Männer haben. Es geht dabei nicht darum, daß diese Probleme beschrieben werden, sondern vielmehr wie sie beschrieben werden. Gunter Hagelberg läßt in seinen Texten zur Handlung das Messer blitzen, treibt die Problematik auf die Spitze, um auf diese Weise keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen.

Und die 35 Mitwirkenden Schauspieler, Tänzer und Musiker - stellen somit einen Kampf der Geschlechter dar, der sich in Rollenklischees festgefahren hat.

Das Stück beginnt im Zuschauerraum als Meinungsumfrage. Schnell aber verlagert sich die Handlung auf die Bühne, ins traute Heim, wo keiner hört, was laut gedacht wird.

Erzählt wird die Geschichte einer korpulenten Frau und Mutter, die nach Jahren der (selbstverschuldeten?) Aufopferung für ihren Karriere-Mann und die von Schönheitsidealen geplagte Tochter wieder in ihren Beruf als Lehrerin zurückkehren möchte, und dies auch tut.

Wie ergeht es einer Dicken, die dem Ideal einer attraktiven Frau so gar nicht entspricht, in den verfestigten Strukturen einer Männerwelt, fragt das Stück. Geantwortet wird mit einem Schwall von Themen, die sich aus dieser Problematik ergeben: Derbe Machosprüche, Emanzipation, Frauenfeindlichkeit und Gewalt, Diffamierung, Eßstörungen und Diätwahn bei Jugendlichen.

Die Fülle der Thematik droht unüberschaubar zu werden, die Szenen zu kompakt. Hagelberg aber steuert sicher zwischen den Eisbergen hindurch. Die einzelnen Bereiche werden ausreichend genug behandelt, ohne daß der Zuschauer in der Luft hängen bleibt.

Dem Zuschauer wird aber bei einigen Themen gleichzeitig vermittelt, daß es sich hier wirklich um die Spitze eines Eisberges handelt. So ist zum Beispiel die Wirklichkeit einer bulimiekranken (Bulimie = Freßsucht) ist weitaus schrecklicher, als es die Bühne zeigen kann.

Ein Mädchen aus Rostock ist bei Hagelberg die Figur, die an der Firnis kratzt. Nicht aus Neugier, sondern weil sie am Leben ihrer Mitmenschen Anteil nimmt. Sie muß aber den "Wessies" auch kritische Fragen stellen, weil ihr im direkten Vergleich mit ihrer Heimat natürlich viele Dinge unerklärlich sind.

Wenn die Prophezeiung gilt, daß einer schlechten Generalprobe eine fabelhafte Premiere folgt, dann trifft dies nur bedingt auf das "junge theater spectaculum" mit "Mensch, Menschin!" zu. Besonders der ersten halben Stunde des Stücks fehlte der Drang nach vorn.

Als dann aber sich die Akteure eingespielt und -gesungen hatten, wurden schon kleine Prachtleistungen geboten wie etwa Wiebke Puls als freßsüchtiger Teenager, oder Kirsten Nordhofen als "Ossie".

Das Rock-Musical lebt aber ebenfalls durch die live-Musik, die eine fünfköpfige Band hinschmettert, daß einem die Ohren übergehen.

Das Ensemble - bestehend aus "Lehrerinnen, Schülerinnen, Studentinnen, Auszubildenden und Berufstätigen" aller Art - geht nun auf knapp zweimonatige Tournee. Der Erfolg ist dem Stück nach dieser Generalprobe gegönnt, die Thematik verdient ihn allemal.


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