junges theater spectaculum e.V.

Kieler Nachrichte, Dienstag, 16. März 1993

Das Rockmusical "Mensch, Menschin!"

Eine Frau boxt sich durch

Mensch, Menschin!

Tanz gegen den Speck: Susann Grubert als Mutter, Foto Nickolaus

Zwei mikrofonbewerte Reporter schieben sich durch die Zuschauerreihen und fragen das überraschte Publikum nach seinem Verständnis von Emanzipation. Auf der offenen Bühne wechselt derweil eine schwarzweiß gekleidete und maskierte Schachpantomime mechanisch ihre Gesten. Zu Beginn des Rockmusicals Mensch, Menschin!, das am Sonntag im Kieler Schauspielhaus Premiere hatte, weiß das Publikum kaum, wohin es blicken soll.

Das ändert sich schnell, als nach dieser Ouvertüre die Geschichte einer Frau erzählt wird, die sich gegen den Widerstand ihres Mannes den Weg zurück ins Berufsleben bahnt. Der Wiedereinstieg als Lehrerin wird für sie sehr schwer, denn sie ist zu dick. Die Schüler begegnen ihr mit Vorurteilen und Gehässigkeiten. Auch bei ihrer Tochter, die sich ihrer korpulenten Mutter schämt, und ihre eigene Figur deshalb immer wieder kritisch im Spiegel betrachtet, findet sie wenig Unterstützung. Aber die Frau boxt sich durch.

Auch die Schüler haben Probleme mit ihrem Selbstverständnis: Ein Mädchen aus Rostock kommt mit der neuen Situation nicht zurecht und ihre Klassenkameradin leidet an krankhaften Eßstörungen. Die 35 Mitglieder des "jungen theater spectaculum" präsentieren ein Kaleidoskop gesellschaftlicher Mißstände. Das konzentriert sich auf das Rollenverhalten der Geschlechter sowie das narzißtische Menschenbild unserer Zeit. Das Musical übt sowohl an männlichen, als auch an weiblichem Chauvinismus mal beißend, mal humorvolle Kritik.

In Mensch, Menschin! wechseln Songs, Spiel- und temporeiche Tanzszenen. Lothar Köhrsen hat eine geradlinige und abwechslungsreiche Rockmusik für die fünfköpfige Band geschrieben. Die Schauspieler präsentieren dazu beachtliche Gesangsleistungen: Susann Grubert als Mutter, Wiebke Puls als Bulimiekranke, Kirsten Nordhofen als Mädchen aus Rostock, das a cappella-Quartett "Take Four".

Die Spielszenen wirkten bisweilen etwas klischeehaft. Muß die Mutter ihrem Machomann, dessen Kommentare zur deutschen Ost-WestProblematik an Menges TV-Neuekel Motzki erinnern, denn unbedingt die Puschen und das Bier bringen, um sich dann wieder dem Stricken hinzugeben? Auch hat Texter, Regisseur und Manager Gunter Hagelberg die Charaktere mit Problemen fast überladen: Zu den bereits geschilderten Schwierigkeiten tauchten auch noch Themen wie sexueller Mißbrauch von Kindern, Schwangerschaftsabbrüche und Politikerschelte auf, die jeweils nur angerissen werden.

Dennoch eine gelungene Inszenierung. Den Akteuren merkte man ihre Singes-, Spiel- und Tanzfreude deutlich an, und der Funke sprang über: Erst nach drei Songzugaben entließ das begeisterte Publikum das Ensemble. VOLKER BEHRENS


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