junges theater spectaculum e.V.

Itzehoer Nachrichten, Freitag, 4. Juni 1993

Das Ordnungsamt als Kultur-Verhüter?

Frustrierte Theater-Macher erheben massive Vorwürfe

ITZEHOE. Gunter Hagelberg ist verstimmt. An der Stör hat der engagierte Stücke-Schreiber (Hauptberuf: Lehrer) sein finanzielles Fiasko erlebt. "Mensch. Menschen!" heißt das Rock-Musical, daß er zusammen mit seinem Lehrer-Kollegen Lothar Köhrsen geschrieben hat. Im Itzehoer Theater jedoch blieben die Menschen aus. Magere Zuschauerzahlen bereiteten den beiden Kieler Autoren ein kräftiges Minus.

Liegt es am Musical? Schwerlich, folgt man den Ausführungen Hagelbergs. Er und Köhrsen, Mitglieder des "Jungen Theater Spectaculum" in Kiel sind ansonsten mit ausverkauften Häusern in ganz Schleswig-Holstein verwöhnt. Ist Itzehoe eine kulturell ignorante Gemeinde? Hagelberg und Köhrsen erheben massive Vorwürfe gegen das Ordnungsamt. "Das ist eine Kultur-Verhinderungs-Behörde" formuliert Köhrsen seinen Unmut.

Engmütige Werbe-Beschränkungen sind aus seiner Sicht das kulturelle Verhütungsmittel, das den Erfolg nicht nur von "Mensch, Menschin!" im Keim erstickt. "Ohne Werbung lassen sich die möglichen Zuschauer von anspruchsvolleren Stücken kaum mobilisieren." Hagelberg und Köhrsen mußten ihre Plakatwerbung auf die 40 Litfaßsäulen und sechs Werbetafeln in der Stadt beschränken - gegen saftige Gebühren: "Drei- bis vierhundert Mark hat das gekostet."

Kein "wildes Kleben"

Beide sind vor allem enttäuscht von der Ordnungsamts-Order, keine Stellschilder an Straßen und Plätzen aufzustellen. "In Eckernförde, Neumünster, Rendsburg, Kiel, Plön und Preetz wurde uns das gestattet", erinnert sich Hagelberg an anscheinend liberalere Orte. "Auch das 'Wilde Kleben' gibt es in Itzehoe nicht", wirft Hagelberg dem Ordnungsamt vor. Bei dieser Werbemethode werden Plakate inoffiziell auf Bauzäune und andere Flächen geklebt.

An eine "Band-Aktion" in der Fußgängerzone sei von Amts wegen mit derart großen Schwierigkeiten versehen worden, daß die Theater-Männer hiervon Abstand nahmen.

Band-Aktionen sollen auf die jeweilige Veranstaltung aufmerksam machen. "In Lübeck und Eckernförde hatten wir damit großen Erfolg" so Hagelberg.

Er und Köhrsen seien schließlich persönlich in Itzehoer Kneipen und Geschäften vorstellig geworden: "Nur acht waren bereit, unsere Plakate auszuhängen" resümiert Köhrsen.

Die Itzehoer Theater-Leitung räumt ein, daß auch sie mit der derzeitigen Werbesituation nicht übermäßig glücklich ist. "Vor allem die Bewerbung von außergewöhnlichen Veranstaltungen ist manchmal nicht ganz einfach, da wir aus Kostengründen nicht immer an Litfaßsäulen und in die Zeitungsanzeigen-Spalten gehen können" sagt Presse-Dramaturgin Petra Jeuk. In jüngerer Vergangenheit seien beispielsweise der Gitarrist Pepe Romero und der Pianist Rudolf Buchbinder der Verschwiegenheit zum Opfer gefallen.

Für das "Wilde Kleben" im Schutz der Nacht läßt das Theater nunmehr auch keinen Kleister mehr anrühren. "Ein Bauunternehmer war ärgerlich über unsere Plakate, er droht sogar mit einer Anzeige" sagt Theater-Chef Siegfried Keuper.

Selbst die Werbung in Theater-Nähe gerät eher dezent. Dem Betrachter präsentiert sich ein unauffälliges Pumpenhäuschen, am Theater selbst fehlt es an Tafeln oder dergleichen. Vitrinen oder Tafeln in der Fußgängerzone sucht man auch vergebens.

"Ordnungsamt korrekt"

"Es wäre schön, wenn wir mehr Werbeflächen bekommen könnten" so Keuper.

Die Hoffnungen darauf sind indes nicht sehr groß. "Das Ordnungsamt hat korrekt gehandelt". sagt Bürgermeister Harald Brommer, der "mit Entschiedenheit" die Vorwürfe Köhrsens und Hagelbergs zurückweist. "Stellschilder sind eine genehmigungspflichtige Sondernutzung von Straßen und Wegen" erklärt er. Mit der Erlaubnis tue sich das Ordnungsamt aus gutem Grund schwer. Bekommt ein kommerzieller Veranstalter die Genehmigung, muß man sie allen anderen auch erteilen. Brommer fürchtet dann eine Verschandelung des Stadtbildes: "Das Einsammeln der Schilder nämlich wird später meistens vergessen."

Seit 1967 habe es keine Genehmigung mehr gegeben. Und außerdem: "Wenn ich höre, der Erfolg kultureller Veranstaltungen hänge von der Anzahl ausgehängter Plakate ab, wird mir bang um die Kultur!"

Auch die Genehmigung für "Musik-Aufmärsche" werde nur in extremen Ausnahmefällen gegeben.

Der Bürgermeister räumt zwar ein, daß das Theater einen hohen Werbebedarf hat. "Ob er noch größer werden muß, kann ich jedoch nicht beurteilen."

Hagelberg und Köhrsen werden mit zukünftigen Produktionen jedenfalls um Itzehoe einen weiten Bogen schlagen.
M. GÖTTSCHE

Das Pumpenhäuschen

Das Pumpenhäuschen sorgt für die Werbung vor dem Theater. Foto: Göttsche


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