Taschenkrebs (Kieler Schüler/innenzeitung), Februar 1995
Brandsatz-Theaterprojekt ohne Grenzen
Am Anfang stand ein Projekt, das für viel Aufregung sorgte. Im Frühjahr 1993 entschlossen sich türkische Jugendliche aus Kiel, gewaltbereite Jugendliche aus Rostock und Hoyerswerda zu einem gemeinsamen Türkeibesuch einzuladen. Bald schon merkte man, daß Stärken und Erfolge dieser - von den Medien kritisch verfolgten - Begegnung zwar nur im Kleinen stattfanden. Trotzdem lernten sich dort Menschen kennen, die sich nur aus der Entfernung kannten. Zwar lernte man nicht immer akzeptieren, doch wurde der Versuch unternommen, zu verstehen, zuzuhören und aufeinander zuzugehen.
Von diesem Projekt erzählt das Rockmusical "Brandsatz", das vom "jungen theater spectaculum e.V." aus Kiel unter der Regie von Gunter Hagelberg inszeniert wurde. Dieses Musical versucht, die in dem Projekt gemachten Erfahrungen künstlerisch umzusetzen und so die Emotionen zu verarbeiten und darzustellen. Es erzählt von den Jugendlichen, die aus dem geregelten Alltag der DDR herausgerissen wurden und nun orientierungslos und enttäuscht sind und sich wertlos fühlen. Es erzählt aber auch von jenen, die den Haß der Jugendlichen nutzten und sie aufstacheln, es erzählt von der scheinbar zerstörten Zukunft der Jugendlichen und von den klatschenden Schaulustigen der ausländerfeindlichen Aktionen und Anschläge.
Das Musical zeigt jene türkischen Jugendlichen, die selbst genau wissen, daß auch sie aggressiv reagieren und die trotzdem versuchen wollten, dieses Projekt durchzuführen. Es berichtet von den Sozialpädagoglnnen, die den gewaltbereiten Jugendlichen und ihren Problemen, ihrer Gewalt nahezu hilflos gegenüber stehen.
Im Mittelpunkt dieser Probleme steht Anna (dargestellt von Monika Halbwidl). Sie versteht (oder versucht dies zumindest) auf der einen Seite die Probleme und Aggressionen der Skins, mit denen sie befreundet ist. Anna ist diejenige, die zuerst Kontakt mit den Türken bekommt, und sich dann sehr stark zu der Freundlichkeit und menschlichen Wärme unter diesen hingezogen fühlt. Am Ende erkennt sie jedoch für sich, daß die kulturellen Diffrenzen meist viel zu hoch sind, um sie zu überspringen.
Imponierend ist die Darstellung derjenigen, die die Skins aus dem Hintergrund dirigieren: Personen mit weißen Masken halten die Skins wie Marionetten an Fäden und bewegen sie.
Dargestellt werden auch Politiker, Wirtschaftsbosse und Biedermänner, die durch ihre Reden Feindbilder erstellen, welche die Jugendlichen dann an allem Fremden abreagieren.
Die Texte von Gunter Hagelberg und die Musik der Band zeigen alle diese Probleme auf. Von anfänglichem Haß ("Raus mit Euch!") über die Annäherung und die damit verbundenen Probleme ("Mensch, ich hab vielleicht Schiß") bis hin zu der Erkenntnis, daß man sich doch ganz nett findet und die Probleme auf beiden Seiten ähnlich sind.
Stark kritisiert das Musical die Presse, die sowohl im Vorfeld als auch in der Türkei immer wieder versucht, sich einzumischen und damit einige Probleme erst schafft. Denn - so die Aussage des Musical - friedliche Gruppen sind für die Berichterstattung ungeeignet, die Presse verlangt nach klischeegemäßem Verhalten, und versucht, die Gruppen entsprechend dazu aufzustacheln, sich negativ zu äußern und zu verhalten.
Das Musical selbst bleibt jedoch nicht im Klischee einer verrohten Jugend stehen, es versucht auch nicht, ein Traumbild dieses Projektes zu erstellen. Auch wenn zum Teil die Türkinnen und Türken stellenweise als zu lieb und zu nett dargestellt werden.
Auf jeden Fall ist es insgesamt ein sehr gelungenes Stück, das - wie auch die anderen Stücke des "jungen theater spectaculum e.V." - mal wieder mitreißend und begeisternd ist.
-jan-
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