Holsteiner Courier, Freitag, 12. Mai 1995
"Junges theater spetaculum" in der Stadthalle: Rockmusical "Brandsatz" bot jede Menge Zündstoff
Die Biedermänner sind wieder die Brandstifter
Das "junge theater spectaculum" aus Kiel gastierte wieder im Theater in der Stadthalle natürlich vor vollem Haus, denn die freie Theatergruppe (bestehend aus Schülern, Lehrern, Studenten u. a. Berufsgruppen) hat sich mit "Zoff" (1989) und "Mensch, Menschin" (1993) eine Fangemeinde in Neumünster erworben. "Brandsatz" ist der Titel des neuen Rockmusicals, und zu diesem Thema fallen einem wahrlich brandaktuelle, erschreckende Vorgänge ein.
Gunter Hagelberg (er schrieb den Text, führt die Regie, entwarf das Bühnenbild) benutzte als Vorlage ein Projekt, das, initiiert vom Deutsch-Türkischen Volkshaus in Kiel, im Frühjahr 1993 Skins und "rechte" Jugendliche aus Rostock und Hoyerswerda mit jungen Türken zusammenführte. Gemeinsam besuchten sie die Türkei, und die jungen Deutschen erfuhren dort, mit welchen Ängsten und Verunsicherungen es verbunden ist, im Ausland "fremd" zu sein. Es war Absicht dieser Reise, festgefahrene Vorurteile zu revidieren, durch Kennenlernen, Verständnis zu fördern und die Bereitschaft zu wecken, miteinander zu reden und einander zuzuhören.
Wählte das "junge theater" früher Themen, die fast ausschließlich den Lebensbereichen der Mitwirkenden entstammten, gibt es in "Brandsatz" etliche Rollen, die "gespielt" werden müssen, so z. B. die "Rechten" und Skins (zunächst etwas zu lärmig, später differenzierter und individueller); auch einige "Türken" schlüpften in eine andere Identität. Der Aufführung gelang es, nicht in Schwarz-Weiß-Zeichnung zu verfallen. Die deutschen Jugendlichen machen zwar den Zusammenhang zwischen verbaler und körperlicher Gewalt besonders deutlich, während sich die Türken insgesamt freundlicher und "sanfter" verhalten, doch gibt es auf beiden Seiten Vernünftige und Unbelehrbare, Randalierer und Schlichter, Außenseiter und Mitläufer. Die anderen "Bürger" - seien es nun Politiker, Lehrer, Journalisten, Unternehmer und alle die "fröhlichen Deutschen" -, die "nur Arbeit und ein Bier wollen", verstecken sich hinter der Maske des Biedermannes und begreifen - wieder einmal - nicht, daß sie gleichzeitig auch Brandstifter sind.
Die Erstaufführung, die sehr flott und streckenweise sehr lautstark ablief, dauerte drei Stunden; einige Kürzungen wären angebracht - z.B. Passagen aus zwei Gesprächen Anna-Murat, etwas weniger Folklore (z.B. ohne Bauchtanz); wegfallen könnte die erste Szene nach der Pause (Schule/Jungunternehmer), die zwar ausgezeichnet gelang, aber doch überflüssig für das Stück erschien. Hervorragend eingepaßt dagegen die Pantomimen mit den Skins, die signalisierten, wie wenig sie vom Kopf her agieren, sondern triebhaft, marionettenhaft handeln. "Brandsatz" lebt von der Story (ernst, auch ironisch, humorvoll aufbereitet), von der Musik (rockig, fetzig, die Personen ergänzend, komponiert von der fünfköpfigen Band), von der schlüssigen Regie, von dem uneingeschränkten Einsatz hinter und auf der Bühne, von einem sanges- und spielfreudigen Ensemble, aus dem besonders Monika Halbwidl (Anna), Susann Grubert (Sozialarbeiterin), Arne Schumacher (Olli), Thomas Schröder (Thomas), Thorsten Scholz (Murat) und Ali Temiz (Ali) herausragen.
Die Premiere wurde begeistert aufgenommen. Am 7. und 8. September kommt "Brandsatz" wieder nach Neumünster.
KARIN HARTMANN
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