junges theater spectaculum e.V.

Kieler Nachrichten, Dienstag, 16. Mai 1995

Brandsatz

Rockmusical "Brandsatz" im Kieler Schauspielhaus

Doch platt gemacht

Rote Rosen und stehende Ovationen gab's nach der Kieler Premiere des Rock-Musicals "Brandsatz" für Regisseur Gunter Hagelberg und sein Ensemble, das vor vielen Freunden und Verwandten im ausverkauften Schauspielhaus fraglos ein Heimspiel hatte. Doch auch als Außenseiter konnte man sich der schwungvollen Mischung aus Musik, Gesang, Tanz, vor allem aber der Spielbegeisterung der Darsteller des jungen theater spectaculum nicht entziehen - obgleich hier und da allzu plakative Sentenzen an der Stimmung genagt hatten.

Das Stück basiert auf einem Kieler Projekt vom Frühjahr 1993. Damals hatten türkische Jugendliche aus Kiel Gleichaltrige der rechten Szene aus Rostock und Hoyerswerda in die Türkei eingeladen, zum gegenseitigen Kennen- und Verstehenlernen. Die Aktion hatte Erfolg, wenn sie auch nur die Auswirkungen, nicht die Ursachen der Gewaltbereitschaft bekämpfen konnte.
Es versteht sich von selbst, daß die Thematik, bis dahin wieder und wieder öffentlich gewälzt, zwei Jahre danach so durchgekaut ist, daß wohl kaum jemand im Publikum noch gespannt auf Verlauf und Ausgang des Stückes gewesen sein konnte. Zudem wies ein unübersehbarer Zeigefinger auf die Positionen der verschiedenen Jugendgruppen und drückte das kausale Dreieck von Arbeitslosigkeit, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus reichlich platt aus.

So ganz konnte sich Regisseur und Autor Gunter Hagelberg die Schwarz-Weiß-Malerei nicht verkneifen. Und so geraten die Konfliktsituationen beim "Brandsatz" unterm erhobenen Zeigefinger zuweilen allzu platt. Foto Nickolaus

Da waren die Skins in Bomberjacken und Springerstiefeln, die, ständig ein Bier auf der Tatze, frustriert von Familie und No Future-Aussichten überall draufhauen nach dem Motto: "Bevor ich gar nichts bin, bin ich lieber Skin". Die türkischen Jugendlichen waren dagegen mit dem Weichzeichner skizziert: verständnisvoll, gesprächsbereit und schrecklich nett. Viel eindringlicher als die verbalen Auseinandersetzungen waren pantomimische Szenen, in denen die Skins (hervorragend gespielt von Arne Schumacher, Siegbert Hübner sowie von Torge und Arne Bollert) wie Marionetten an den unsichtbaren Fäden maskierter Drahtzieher agierten. Hier bewährte sich ein Stahlgerüst als multifunktionales Bühnenrequisit, von dessen oberer Plattform die gesichtslosen Gesellen ihre willenlosen Opfer dirigieren konnten. Richtig gut, wenn auch zu laut, waren die Musiker und Sänger (hier vor allem Monika Halbwidl und Thorsten Scholz), die ein beachtliches Spektrum von Heavy Metal über Rock bis Pop zu Gehör brachten und die Musik ist ja schließlich der Kern eines Musicals.

SABINE THOLUND

Weitere Aufführungen:
18.Mai, Ernst-Barlach-Gymnasium, 31. Mai und 1.Juni im MAX. Beginn: 19.30 Uhr.


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