junges theater spectaculum e.V.

Eckernförder Zeitung (KN), Dienstag, 22. August 1995

Keiner will Gewalt - aber alle nehmen sie hin

"junges theater spectaculum" zündete in der Stadthalle pädagogischen "Brandsatz"

XXXXX

Eindrucksvolle Inszenierung: Das Rockmusical "Brandsatz".

"Raus mit Euch, fremdes Zeug. Haut doch ab, Nazipack". Erhitzte Gemüter, Zoff, die Volksseele kocht und die Brandsätze fliegen. Deutschland im Jahre 1995. "Brandsatz", das Musical dessen zeitbezogene Aktualität eine Gänsehaut beschert, wurde von einem Team von insgesamt 45 Beteiligten auf die Bühne gebracht. Zwei Jahre Vorbereitung, Gespräche mit Betroffenen, intensive Auseinandersetzung mit der "Skin-Sprache" und genaue Recherchen in jeder Hinsicht bilden die Basis für das Erfolgsmusical.

Der Pädagoge Gunter Hagelberg, verantwortlich für Regie und Texte, reagiert mit dieser Inszenierung auf ein mutiges und ungewöhnliches Projekt unserer Zeit. Türkische Jugendliche aus Kiel luden 1993 gewaltbereite Skins aus Rostock und Hoyerswerda zu einem gemeinsamen Türkeibesuch ein. Diese Begegnung eröffnete Möglichkeiten, gegenseitige Vorurteile abzubauen und die Bereitschaft zu entwickeln, einander zu verstehen.

Mit Prügelszenen, in denen die Skins ihre Wut ausdrücken, nimmt die Geschichte auf der Bühne ihren Lauf. Die musikalischen Texte stehen an erster Stelle und es wird kein Blatt vor den Mund genommen. Titel der Songs, wie "Voll daneben", "Wer sind die", "Wir hauen alles weg" oder "Komm doch mal näher", treffen stets den Nagel auf den Kopf und präsentieren Deutschrock einmal ganz anders. Jede Szene vermittelt durch die professionelle musikalische und tänzerische Umsetzung geballte Energie. Das Abtasten der unterschiedlichen Kulturen in den Bereichen Musik, Sprache, Kleidung sowie dem Umgang miteinander wird so authentisch dargestellt, daß es leicht fällt, Stimmungen wie Haß, Verzweiflung, Unsicherheit aber auch Freude, Offenheit und Zuversicht mitzuerleben.

Das Verhalten der gewaltbereiten Skins wird auch pantomimisch hervorragend gezeigt. Wie Marionetten hängen sie an imaginären Fäden, und werden von den eigentlichen Drahtziehern dirigiert. Durch die betont langsamen Bewegungsabläufe werden die Gedankengänge der "Hohlköpfe" besonders deutlich zum Ausdruck gebracht. Eine Szene, die eine derartige Spannung vermittelte, daß den Zuschauern der Atem stockte.

Deutlich wird, daß unerfüllte Sehnsucht nach Geborgenheit und Verständnis oftmals zu Gewaltbereitschaft führt. Dennoch werden die Täter nicht entschuldigt, indem sie zu Opfern gemacht werden. Vielmehr wird nach der Mitverantwortung gefragt, denn unter der "Biedermaske" trägt mancher Bürger dazu bei, daß Brandsätze gelegt werden können und frustrierte junge Menschen durch ständig projizierte Feindbilder in die Gewaltbereitschaft getrieben werden. So heißt es im Text: "Der Brandsatz seit ihr, wir sind die Täter" - keiner will Gewalt, aber alle nehmen sie hin.

"Kein erhobener Zeigefinger hilft bei dem Projekt, laßt uns lieber zeigen was in uns steckt." Dies ist dem "jungen theater spectaculum" hervorragend gelungen, und die begeisterte Anerkennung des Publikums in der Eckernförder Stadthalle am vergangenen Freitagabend erwirkte eine ausdrucksstarke musikalische Zugabe von Monika Halbwidl. Die Aufforderung, nicht zuzusehen oder wegzuschauen wenn Unrecht und Gewalt geschehen, sondern Alternativen zu schaffen, ist angekommen.
YVONNE DORITZ


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