junges theater spectaculum e.V.

Lübecker Nachrichten, Sonntag, 24. September 1995

Das Rockmusical "Brandsatz" in der MuK

Wahres Märchen

Von MATTHIAS A. FREDRICH
LÜBECK - "Bevor ich gar nichts bin, bin ich lieber Skin", grölen grinsende Skinheads in die MuK-Rotunde. Martialische Gewalt geht von der neofaschistischen Glatzengruppe aus. Sie saufen sich Lebensangst samt Verstand aus dem Hirn und zünden ein "Asylerheim" an, wie einst in Rostock. Oder eine Synagoge, wie 1994 in Lübeck.

Mit dem Rockmusical "Brandsatz" gastierte das 50köpfige Ensemble des Kieler "theater spectaculum" in der ausverkauften Musik- und Kongreßhalle. Das Stück basiert auf einem wahren Märchen. Im Frühjahr 1993 luden türkische Jugendliche aus Kiel Rostocker Skins zu einem gemeinsamen Türkeibesuch ein, um beiderseits gängige Vorurteile abzubauen.

Diese Idee einer türkisch-deutschen East-Westside-Story wird eindringlich und plakativ umgesetzt. Weder Skins noch Türken sind Engel, sondern frustrierte Außenseiter, die im Fegefeuer der Aussichtslosigkeit ihre Hoffnungen verloren haben. Allein. in ihrer Gruppe finden sie Halt, sind die Schwachen stark.

Doch der Weg zur Bühnen-Völkerfreundschaft ist lang. Drei lange Schulstunden. Denn "Brandsatz" ist eine pädagogische Parabel, moralisch, ohne moralinsauer zu sein. Und das liegt gerade auch an der Musik, der vollkommenen Sprache für die eigentlich Stummen: Zum Beat des Rock tanzen Türken und Skins gemeinsam Pogo, wetteifern dann zum süßen Klang der Lyra im Bauchtanz und reihen sich ein in den Reigen der türkischen Folklore.

Das Bühnenexperiment gelingt, wenigstens für einen schönen Augenblick. Doch leider haben sich die engagierten Macher bei der Konzeption verzettelt, zu überfrachtet mit Vor-Urteilen ist das Rockmusical. Alles, wirklich alles wird angerissen: Rechte Jungunternehmer, Treuhand, Medienschelte, das Schulsystem und die Unfähigkeit der Politiker. Etwas weniger wäre mehr gewesen.


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