junges theater spectaculum e.V.

Rendsburger Tagespost, Freitag, 29. September 1995

"Brandsatz": 600 Zuschauer beim Theater zum Thema "Türken und Skins" in der Herderschule

Die deutsche Westside-Story

Brandsatz

Botschaft des Theaterstückes "Brandsatz": Völkerverständigung beginnt im Kleinen. Foto: Schneider

RENDSBURG. "Bevor ich gar nichts bin, bin ich lieber Skin!" gröhlen die Jugendlichen in Bomberjacken und Springerstiefeln. Bierdosen werden durch die Luft gekickt, Gerstensaftströme laufen über Gesichter und Hälse. Der Gang, die Gestik, die Gesichtsausdrücke von Olli, Kalle, Piet, Smiley und Angel suggerieren Gewaltbereitschaft und Bösartigkeit. So bauen sie sich in großer Pose vor einem Rollstuhlfahrer und seinem Zivi auf. Der "Waldorfbubi" wird kurzerhand zusammengeschlagen. Der Rollstuhlfahrer kann von mehreren herbeieilenden türkischen Jugendlichen gerettet werden.

Die fünf Skins aus Hoyerswerda sind fiktive Figuren mit authentischem Hintergrund, dargestellt von Schauspielern des Rockmusicals "Brandsatz". Die Produktion des "junge theater spectaculum" aus Kiel gastierte am Montag auf Initiative von Michael Rapp (47, Musikverein) vor rund 600 Zuschauern in der Herderschule.

Ein bisher einmaliges Projekt liegt dem Inhalt und der Entstehung des Musicals zu Grunde: Im Frühjahr 1993 entschlossen sich türkische Jugendliche des Deutsch-Türkischen-Volkshauses in Kiel, gewaltätige Jugendliche aus Rostock und Skins aus Hoyerswerda zu einem Türkeiurlaub einzuladen.

Die Resonanz in den Medien war groß. So begleitete ein ZDF-Team die Reisenden und wertete die Erlebnistour aus. Ebenfalls nahm sich das "junge theater spectaculum" der Thematik an. Unter der Regie von Gunter Hagelberg entwickelt das Schauspiel dank seinen überzeugenden Laiendarstellern eine mitreißende Eigendynamik.

Als roter Faden zieht sich die Suche des Mädchens Anna (Monika Halbwidl) nach eigener Identität, Freunschaft und Liebe durch die Geschichte. Durch ihren Freund Thomas (Thomas Schröder) kommt sie mit der Skin-Szene in Hoyerswerda in Berührung. Olli und Kumpane wirken jedoch sehr abstoßend auf Anna.

Nach dem eingangs erwähnten Überfall auf den Rollstuhlfahrer lernt sie Murat (Torsten Scholz) kennen und lieben. Begeistert von der Offenheit und Herzlichkeit der anderen türkischen Jugendlichen, besucht sie zusammen mit der für die Skins zuständigen Sozialarbeiterin Silke (Susann Grubert) das Deutsch-Türkische-Volkshaus. Thema ist der geplante Türkeibesuch. Silke hofft auf gegenseitige Akzeptanz und Toleranz, doch wird sie tief getroffen, als sie vom Skinüberfall hört.

Obgleich sich das erste Zusammentreffen von Türken und Skins als frostig erweist ("Ich Türke. Du müssen reden langsam."), werden die Pläne in die Tat umgesetzt. Als das Flugzeug der Türk-Air in Istanbul ausrollt, sind die völlig panischen Skins betrunken. Gleich zurückfliegen wollen sie. Der Menschenauflauf, der sich als harmloses Begrüßungskomitee erweist, jagt ihnen Angst ein. Doch die ist unbegründet. Beide Parteien lernen zu verstehen und aufeinander zuzugehen. Die Beziehung von Anna und Murat hingegen zerbricht. Zu verschieden sind ihre Lebensauffassungen, Ziele und Wünsche.

Am Abend vor dem Rückflug bricht Olli zusammen. Er kann seine nun veränderten Ansichten nicht mit seiner Alltagssituation in Einklang bringen. Für seine Kumpels zu Hause wird er ein "Türkenfreund" sein.

"Brandsatz" hat kein Happy-End. Es sucht nach den Ursachen und Auswirkungen von Gewalt und Vorurteilen, ohne in Klischees steckenzubleiben. Es gibt keinen allgemeingültigen Ansatz zur Lösung des Gewaltproblems. Es ist nur die Realität.
INGA CATHARINA THOMAS


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