Lübecker Nachrichten, Freitag, 1. Dezember 1995
Aufruf an jedermann
Von PETER HARMANN
Auf dieser Welt sitzen alle in einem Boot: gewaltbereite deutsche Jugendliche ebenso wie türkische Opfer, aber auch Eltern, Erzieher, Politiker, Kirchenleute und Wirtschaftler sowie Medienverantwortliche. Der Aufruf zum gegenseitigen Verstehen, zur Toleranz kann sich daher nicht nur einseitig an Täter und Opfer richten, sondern an die gesamte Gesellschaft.
Doch wo es nach den Möllner Brandtaten zunächst nach einem großen Miteinander aller aussah, scheint die Toleranz heute eher wieder institutionalisiert. Dort kümmert sich der Verein "Miteinander leben" um Hilfe und Verständigung, hier ist es die Kreisjugendhilfe mit dem Engagement einiger betroffener Erzieher vor Ort. Die Gesellschaft - und das sind wir alle - geht wieder ihrem Alltag nach: Business as usual.
Die Kampagne für die von Kreisjugendpfleger Rüdiger Jung zu Aufführungsbeginn beschworene "Toleranz überall, wo wir leben und arbeiten" muß sich nicht nur an potentielle Täter, sondern an die gesamte Gesellschaft richten, doch die fehlte im Theatersaal mit wenigen Ausnahmen.
Wo waren die Möllner und die Kreis-Politiker, wo war das "normale" Theaterpublikum? Sie haben zwar alle mit dem Täterkreis nichts gemein, doch für sie gilt auch der Satz des Stückes: Keiner will Gewalt, doch jeder nimmt sie in Kauf! Nicht nur in Mölln, sondern überall.
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