Lauenburgische Nachrichten, Freitag, 1. Dezember 1995
Rockmusical "Brandsatz" begeisterte 400 Besucher
Botschaft zum Nachdenken
Von PETER HARMANN
MÖLLN - Zunächst einmal war es ganz einfach gutes Musiktheater, was die über 400 zumeist jugendlichen Zuschauer im Stifstheater Augustinum erlebten. Da dann beim Rockmusical "Brandsatz" noch die Botschaft des Stückes stimmte, erfüllte die Inszenierung des "jungen theaters spectakulum" aus Kiel auch einen gesellschaftlichen Zweck. Die Aufführung im Stiftstheater war zu Recht ausverkauft.
Die Laienspieler schufen mit ihrem raschen Wechsel von Musik- und Tanznummern eine dichte Vorstellung. Die lauenburgische Jugend reagierte begeistert auf das Rockmusical "Brandsatz" im Stiftstheater Augustinum.
Foto: PETER HARMANN
Mölln, war der Schlußpunkt einer erfolgreichen Tournee mit dem Rockmusica1 durch Norddeutschland. Die Kieler Akteure thematisieren das Gegen- und Miteinander einer deutschen Skin- und einer türkischen Kulturhausgruppe. Gewalt, verschiedene Kulturen, aber auch Verständnis und Liebe prallen in dem Stück aufeinander. Drei Jahre nach dem Brandanschlag von Mölln war die Aufführung ein "Muß" für ein neues Miteinander.
Kreisjugendpflege, Stadt Mölln und der Verein "Miteinander leben" hatten die Aufführung mit Hilfe von Sponsoren in den Kreis geholt.
Auch Jugendliche aus der gewaltbereiten lauenburgischen Szene besuchten die knapp dreistündige Aufführung.
Das Stück von Autor und Regisseur Gunter Hagelberg hat einen realen Hintergrund: Als Geschichte dient das Modellprojekt türkischer Jugendlicher aus Kiel, die Skins aus Hoyerswerda zu einer gemeinsamen Freizeit in die Türkei einluden.
Ein wenig Agitprop, ein wenig Westside-Story und große Realität in Sprache und Gestik durch Einbeziehung der Betroffenen in die Text- und Musikzusammenstellung ließen ein faszinierendes Musical entstehen, das im gekonnten Wechsel von schauspielerischen Szenen, Musik- und Tanznummern eine dichte Vorstellung schuf - und das ganze ausschließlich von Laiendarstellern.
Das Stück hat weder das große Happy-End noch den moralischen Zeigefinger. Das Andersartige in einer multikulturellen Begegnung wird toleriert, nicht kaschiert. Die Skins schlagen nicht mehr auf die türkischen Jugendlichen ein, aber gehen dennoch getrennt die eigenen Wege weiter, denn nicht die nationalen Unterschiede, sondern die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bestimmen die Verhaltensmuster.
Eine Botschaft zum Weiterdenken nicht nur für Täter und Opfer, sondern auch für die Zuschauer, die dem Ensemble mit Standing Ovations dankten.
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