Möllner Markt, Mittwoch, 13. Dezember 1995
"Brandsatz" - Ein Aufruf ... an Opfer, Täter und Ignoranten
Die Arbeit hat sich gelohnt! Der gemeinsame Erfolg zeigt, daß Vorurteile brachen und man Fortschritte auf dem Weg zu Toleranz und Verständnis erreichte.
Mölln (vö) Ein aktuelles Thema, Gesellschaftskritik, Witz und ein bißchen Gefühl das sind für Regisseur und Autor Gunter Hagelberg die Zutaten für ein gutes Rockmusical.
Und ein begeistertes Publikum der Aufführung des "Brandsatz" am 29. November im ausverkauften Augustinum gibt ihm recht. Mölln war der Schlußpunkt einer überaus erfolgreichen Tournee durch Norddeutschland. Das "junge theater spectaculum" führte das Rockmusical im Rahmen der Erinnerungswoche an die Brandanschläge vor drei Jahren in Mölln vor. Organisatorische und finanzielle Unterstützung erhielt das Ensemble vom Amt für Jugend und Familie des Kreises Herzogtum Lauenburg, der Kreissparkasse, der Möllner Sparkasse und dem Verein "Miteinander leben e. V."
Das Rockmusical handelt von einem Projekt des deutsch-türkischen Volkshauses in Kiel, das 1993 bundesweit für Aufsehen in den Medien und der Öffentlichkeit sorgte. Türkische Jugendliche luden deutsche gewaltbereite Jugendliche aus Hoyerswerda und Rostock für drei Wochen in die Türkei ein. Ziel dieses Projektes war es, den jungen deutschen Rechtsradikalen eine fremde Kultur zu zeigen und ihre Herzen für mehr Toleranz gegenüber dem Andersartigen zu öffnen. Regisseur und Autor Gunter Hagelberg hat ein Jahr in Zusammenarbeit mit dem deutsch-türkischen und am Projekt beteiligten Jugendlichen an der Erstellung der Textbücher, Songs und Musik gearbeitet.
Durch das intensive Studium von Sprache und Wesen der Jugendlichen gelang es dem Autor möglichst realitätsnah und authentisch dem wirklichen Geschehen nachzuempfinden.
Die Schauspieler greifen die Thematik in kleinen Szenen auf, die durch Gesang mit live Rockmusik und Tanzeinlagen zu einem Ganzem verbinden und die Wirklichkeit von der Straße auf die Bühne tragen.
In "Brandsatz" wird nach den Ursachen und Auswirkungen der Gewalt von Jugendlichen gegen Fremde und Schwache gesucht. Frustration, Zukunfstängste, Probleme in Familie und Schule treiben oft Jugendliche besonders in den neuen Bundesländern in den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt. Denn Verursachersind alle diejenigen, die gleichgültig sind und in der Gewalt einiger weniger die elegante Lösung brisanter politischer Themen sehen. Angesprochen wird die Gleichgültigkeit der gesichtslosen Masse, die aggressive Berichterstattung in den Medien, die realitätsfremde Bildung in den Schulen, untätige Politiker und skrupellose Wirtschaftsbosse. Die jugendlichen Täter werden zu Opfern einer egoistischen Gesellschaft.
Ein nachdenkliches Publikum und die Hoffnung, daß sich zumindest in den Köpfen einiger die Einstellung ändert, bleiben zurück. Mehr Toleranz gegenüber dem Andersartigen sind nun gefragt: Das ist die Botschaft, nicht die Lösung des Musicals.
Seit über sechs Jahren spielt das Ensemble in fast gleichgebliebener Besetzung zusammen und wurde in Norddeutschland durch Produktionen, wie "Zoff", "Mensch, Menschin" bekannt, in denen Regisseur und Autor immer wieder soziale Themen aufgriff. Die Mitglieder des"jungen theater spectaculum", theaterbesessene und verrückte Berufstätige allerArt, arbeiten allesamt unentgeltlich, erstellen ihre Kostüme, Bühnenaufbauten und Musikanlagen selbst.
Der Applaus eines begeisterten Publikums, wie der der über 400 Besucher im ausverkauften Augustinum ist ihnen Dank genug.
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