Kieler Nachrichten, Dienstag, 3. Juni 1997
Novalis in der Generation X
Junges theater spectaculum probt neues Rockmusical: NOVA hat in der Halle 400 Premiere
Souffleuse!" brüllt Arne Bollert durch die fensterlose Aula des Elmschenhagener Gymnasiums. "Wo ist die denn jetzt schon wieder?" Der Pseudo-Zorn des Hauptdarstellers erinnert eher an den renitenten Skin aus dem Musical "Brandsatz", als an Bollerts derzeitige Rolle.
Doch der Temperamentsausbruch ist nur ein selbstironisches Intermezzo im sonst sehr ruhigen Probenablauf. Endspurt ist angesagt und der Text sitzt längst. Gebraucht wird Souffleuse Sabine Klöß, um den Spielern nach einem Songintro den Einsatz zu geben.
"Okay", sagt Regisseur Gunter Hagelberg, "also acht Takte Vorspiel, dann holst du das Mikro und setzt dich auf den Hocker. Beim Refrain gehst du an der Rampe entlang, acht Takte Zwischenspiel, dann nimmst du die Blume." Die ersten Takte eines Songs ertönen. Dann ist Viola Heß dran. Konzentriert schreitet Viola die Bühne ab. Arne spricht sie an: "Was ist mit Dir, hättest du nicht Lust, jemand anders zu sein?"
Konzentriertes Spiel: Cathrin Wiese (links) und Viola Heß
Foto Bevis
Mitten im Dialog hakt Hagelberg nach: Viola hat sich falsch hingesetzt, Arne soll anders betonen. Nächster Durchlauf, bestätigendes Nicken. Deutschlehrer Hagelberg achtet auf Sprechrhythmus und Aussprache, aus Endungen auf -ig mach -ich, das wirkt authentischer, aber wehe es kielert zu breit. Die Darsteller nehmen's gelassen - schließlich arbeitet man nicht zum ersten Mal miteinander.
Vor zehn Jahren begann Hagelberg mit seinem "jungen theater spectaculum", stellte mit Schülerlnnen und erfahrenen Leuten aus der Kieler Gesangsszene Rockmusicals auf die Beine. Nach "Zoff", "Mensch Menschin!" und "Brandsatz" steht mit dem neuen Stück "Nova" erneut "hautnahe, selbstrecherchierte Problematik" auf dem Spielplan. Autor Gunter Hagelberg stieß bei der Recherche auf Gemeinsamkeiten der Chaosforschung und dem Lebensgefühl der Romantik. So verweist seine jugendliche Hauptligur Nova (Arne Bollert) auf den Frühromantiker Novalis. Nova lebt in einer in Ordnungswahn und Prinzipien erstarrten Welt, doch die blaue Blume als Symbol neuer Hoffnung ermöglicht es ihm, festgefahrene Denkmuster aufzubrechen. Er entdeckt Chaos und Vielfalt als Chance für eine hoffnungsvolle Zukunft. Aus dem Pflücken der blauen Blume wird nichts, denn "Sinn ist nicht, Neues tatsächlich zu erreichen, sondern Neues zu wollen", sagt Hagelberg. Wie das im familiären Umfeld der vielzitierten Generation X aussieht, wird das neue Musical in altbewährter Form zeigen. Theater steht im Vordergrund, dazu kommen Tanz- und Gesangseinlagen.
Vor knapp einem Jahr begannen die Proben mit erfahrenen Ensemblemitgliedern, darunter Wilfried Goebel, Sabine Klöß und Thomas Schröder, Leadsänger bei Take Four. Nach einer Umbesetzung im Januar kamen Viola Heß und Cathrin Wiese dazu. Noch hält sich Viola am Klavier fest, doch was da mit jugendlichem Enthusiasmus aus einem schmalen Körper klingt, ist nicht nur eine erfrischende Sprechstimme, sondern auch kraftvoller Gesang. Was fehlt, sind Allüren. Strahlend erzählt die Pädagogikstudentin von ihrem Zufallsengagement. Gesangserfahrung bei der Abiband war ihre Eintrittskarte bei Nova.
Auch Speditionskauffrau Cathrin Wiese ist durch Vermittlung eingesprungen. Singen sei kein Problem, sagt die 27jährige Hobbysopranistin mit dem Jule Neigeltouch, doch anfänglich habe sie Respekt vorm Schauspielen gehabt. "Ich bin toll aufgenommen worden, hier ist 'ne gute Stimmung", sagt sie.
Einmal pro Woche wird geprobt, in der Endphase zweimal pro Woche. Ziemlich kompliziert, so Hagelberg, denn alle sind berufstätig. Aber das ehrenamtliche Engagement macht sich bezahlt, einige sind so gut geworden, daß sie nach Berlin, London und Wien abwanderten und Schauspieler oder Sängerin wurden.
"Wir bewegen uns im vorprofessionellen Raum", sagt Hagelberg. Nach einer Kompaktprobe auf dem dänischen Knifsberg werden die in Einzelproben eingeübten Sprech-, Tanz- und Singpassagen montiert. ALMUT BEHL
"Nova" hat am Sonntag, 8. Juni, 19.30 Uhr in der Halle 400 Premiere. Bis 19. Februar tourt das Stück dann durch Schleswig-Holstein.
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