junges theater spectaculum e.V.

Kieler Express, Samstag, 6. Februar 1999

Preetzer Schultheater probt im Schauspielhaus:

Rock 'n' Brecht

Laut und heftig bricht es aus Shen Te heraus. "Der Befehl gut zu sein und zu leben, zerriß mich wie ein Blitz in zwei Hälften", schreit sie die Götter an und sinkt in die Knie. Überzeugend bringt Ellen von Westernhagen Shen Te, die Hauptfigur in Bertolt Brechts "Der gute Mensch von Sezuan", auf die Bühne. Zum elften Mal spielten Schüler, Eltern, Lehrer und Ehemalige des Preetzer Friedrich-Schiller-Gymnasiums (FSG) das Stück als moderne Musik-Theater-Produktion. Für ihre allerletzte Aufführung hat ihr Chef Gunter Hagelberg sich eine ganz besondere und für solche Laien-Ensemble eher seltene Spielstätte ausgesucht: Am Dienstag, 9. März, um 20 Uhr zeigen die Darsteller ihr Können vor großem Publikum im Kieler Schauspielhaus.

Die Götter

Die drei "Götter", Hans-Jürgen Koeppen, Wilfried Goebel und Eberhard Voigt-Tschirschwitz, sind ratlos angesichts des Elends auf der Welt. Selbst sie können die Guten nicht vor dem Sturz in den Abgrund bewahren. Fotos usb

Schon sein erstes Schülertheaterstück "Zoff' erweckte vor elf Jahren die Aufmerksamkeit einer Dramaturgin des Schauspielhauses. Seitdem habe der Deutschlehrer dort "ein Stein im Brett". Und so kam es, daß er auch mit seinem "Theater Spectaculum" und Stücken wie "Nova" oder "Brandsatz" auf die große Bühne in der Holtenauer Straße durfte. Was für Hagelberg schon fast normal ist, bedeutet für die Schauspieler des Preetzer Ensembles einen aufregenden Schritt. "Das ist schon was ganz anderes", freut sich Ellen von Westernhagen. Für die Mutter von zwei Kindern des FSG ist Shen Te ihre erste große Rolle. "Ich bin zwar früher mit einem Chanson-Programm aufgetreten, aber mit der Schauspielerei hatte ich nie was am Hut". Gedanken wie "das schaffe ich nie", die sie angesichts der Textmenge und der Bedeutung der Rolle oft beschlichen, haben sich spätestens nach den ersten Aufführungen in Luft aufgelöst. Das letzte "Heimspiel" in Preetz belohnen die Zuschauer wie zuvor in der Stadthalle Neumünster oder im Werftparktheater mit Dauer-Applaus.

Daß "der Gute der Dumme ist, nicht menschenwürdig leben kann und am Ende gar in den Abgrund stürzt", ist das Thema von "Der gute Mensch von Sezuan". Die Prostituierte Shen Te wird von den Göttern auserkoren, Gutes zu tun. Die schlechte Welt voller Betrüger und Armut zwingt die schwangere Frau zur Verwandlung in den skrupellosen Vetter Shui Ta. Für ihr Verhalten stößt das Volk sie am Ende vor den Richter. Vor dessen Augen zerrt sie sich Schnurrbart, Hut und Brille vom Gesicht: "Seht her, ich bin beides." Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas birgt das Stück zahlreiche komödiantische Elemente. Immer wieder brüllen einige Schüler los, wenn die drei konfusen und ewig nörgelnden Götter, Hans-Jürgen Koeppen, Eberhard Voigt-Tschirschwitz und Wilfried Goebel, mit wallendem Gewand, Metallkoffer und Sonnenbrille auf die Bühnen stapfen und genüßlich ihren Löffel in die göttliche, grüne Speise stechen. Der Effekt der Wiedererkennung ehemaliger Pauker ist nicht zu überhören.

"Mal ein heiteres Brecht-Stück aufzuführen, war schon lange meine Idee", erklärt Regisseur Gunter Hagelberg die Wahl. Für die Einweihungsfeier der neuen Schulaula im November stellte der engagierte Lehrer vor rund einem Jahr das ungewöhnliche Ensemble zusammen. Den Text hat er fast original übernommen. allerdings um ein Viertel gekürzt. Wichtig war ihm, die politische Tendenz deutlich zu machen, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Passagen wie "Bettet die Reichen nicht mehr auf Rosen, schafft endlich Arbeit für alle!" sind denn auch in jazzige Rhythmen oder rockig-gefühlvolle Balladen verpackt. Die Originalmusik von Paul Dessau gefiel weder Brecht, noch genügt sie den Ansprüchen der Schauspieler an ein modernes und unterhaltsames Theater. "Ich habe viele Songtexte dazugeschrieben", sagt Hagelberg. Komponiert wurden die neuen Lieder von Lothar Köhrsen und der Hauptdarstellerin Ellen von Westernhagen. Schon als Jugendliche hatte sie einen Hang zu Brechts Lyrik. Oft vertonte sie seine Texte auf dem Klavier. Später hatte sie bei Chanson-Auftritten stets eigene Kompositionen in der Tasche. Die Lust am Gesang und der Schauspielerei hat auch den ehemaligen FSG-Schüler und Banklehrling, Lorenz Nowak, gepackt. Mit seiner tollen Stimme versetzt er als Wasserverkäufer Wang vor allem die weiblichen Zuschauer in Entzücken. Die Bühne könnte den Schlagzeuger einer Bigband auch in Zukunft reizen. Wer weiß, vielleicht wird er bei der Aufführung im Schauspielhaus entdeckt ... (usb)

Der Vorverkauf für die Vorstellung im Schauspielhaus am Dienstag, 9. März, um 20 Uhr hat bereits begonnen. Karten können unter 95095 reserviert werden.

Shen Te

"Ich kann so nicht mehr weiterleben!" Fast erdrückt von der Last der guten Vorsätze bricht Shen Te, Ellen von Westernhagen, ihr Schweigen. Am Ende ihrer Kraft enttarnt sie ihre Doppelrolle und reißt sich die Maske des skrupellosen Vetters Shui Ta vom Gesicht.

Großvater

Armut und Obdachlosigkeit zwingen den "Großvater", Hans-Jürgen Koeppen, bei Shen Te unterzuschlüpfen und ihre Güte zu mißbrauchen.


 back to the top 

junges theater spectaculum e.V.