Kieler Nachrichten, Samstag, 27. April 2002
Ein Leben wie "Von Luft und Liebe"
Die Wertvorstellungen des heute 37-jährigen Öff Öff faszinierten den Preetzer Autor Gunter Hagelberg
Preetz - Manchmal ist das Leben wie ein Film und manchmal ist es wie ein Spiel. Derzeit ist das Leben des heute 37-jährigen Öff Öff ein Schauspiel namens "Von Luft und Liebe" des Preetzer Autors Gunter Hagelberg, das Erfolge auf Preetzer, Kieler und Neumünsteraner Bühnen feiert. Und wer dem Mann in den groben Lederklamotten zuhört, der kommt sich vor wie im Film. Ein ziemlich abgefahrener Streifen, mit viel Idealismus, ganz viel Liebe und am allermeisten Verzicht. Etwas, was kein Mensch für realistisch halten würde. Ist es aber doch. Passiert hier direkt vor der Tür. Denn Öff Öff sitzt im Moment in Preetz auf dem Markt und wartet darauf, angesprochen zu werden.
Der "Wahrheitspilger" Öff Öff lebt, wie im gleichnamigen Stück, seit elf Jahren von "Luft und Liebe" und sitzt derzeit auf dem Preetzer Marktplatz. Foto Mielke
Wie ein Polarforscher in Kinderbüchern sieht er aus, der Mann mit dem Bart und den freundlichen blauen Augen: Fellmütze, Lederwams- und Hose, derbe Schuhe. Das Schild "Wahrheitspilger" ist mit groben Stichen quer über seine Jacke genäht. Auf dem Markt/Ecke Langebrückstraße hockt er unter einem Plakat. Darauf steht etwas von Verantwortung und Liebe. Wortlaut: "Wer will im Ernst verantwortlich leben?" Und irgendwo darunter: "Gespräch erwünscht." "Aber das nutzen die meisten nicht", sagt der Mann, der sich seit elf Jahren Öff Öff nennt. "Verweigerungsmentalität" nennt er das. "Man macht sich die Welt zum Feind, wenn man sie fragt, wie es mit der Liebe steht."
Seit über einem Jahrzehnt ist Öff Öff mittlerweile auf Pilgerreise. Hat nach dem Theologiestudium alles hingeschmissen von seiner bürgerlichen Existenz, verschenkt, was er besaß. "Ich hatte die Wahl, entweder meinem Traum zu folgen oder ihn zu verraten" , erzählt er denen, die stehen bleiben. Ist mit nichts als einer ganzen Menge Idealismus losgezogen - pilgern. Und pilgert immer noch. Lebt und ernährt sich von allem, was er geschenkt bekommt, näht sogar seine Schuhe selbst, bettelt nie. Wer sich traut, ihn zu fragen, hört eine abenteuerliche Geschichte darüber, sich selbst unter das Ganze unterzuordnen und vor allem den Mut zu haben, seine Ideale zu leben.
Einen Kreis von Verbündeten und seine große Liebe, Tütü, hat Öff Öff mittlerweile gefunden, sogar zwei alte Häuser, bei Parchim und Dresden, überlassen bekommen.
Dort beherbergen Tütü und Öff Öff, jeden, der ihre Gastfreundschaft sucht, zeigen ihm, wie man ohne Geld, nur vom Schenken und Verschenken leben kann. "Die Menschen sollen Frieden miteinander schließen, sich, die Tiere und die Natur nicht ausbeuten", nennt Öff Öff ihre wesentliche Lebensmaxime. Vor allem aus Liebe zu handeln und alles zu teilen bedeute das.
Fasziniert sind einige von der Idee, wie Jan (20) aus dem Erzgebirge, der sich Öff Öff vor zwei Wochen für eine Weile angeschlossen hat. Insgesamt aber sei die Suche nach Gleichgesinnten, "wie die Suche nach der berühmten Stecknadel im Heu", sagt Öff Öff und lächelt irgendwie nachsichtig. Für 30 Minuten am Tag (von 19 bis 19.30 Uhr) hat er ein geliehenes Handy an. Wer ihn anrufen will: 0179/ 4072506.
Das Stück über das Leben des Aussteigerpaares hat Hagelberg übrigens geschrieben, nachdem er einen Fernsehbericht über die zwei gesehen hat. "Die Wertvorstellungen haben mich fasziniert und nach vielen Gesprächen, Treffen und Briefen ist das Stück entstanden", sagt der Hobby-Regisseur.
"Von Luft und Liebe" ist am 2. und 3. Mai, jeweils ab 20 Uhr, im Preetzer Friedrich-Schiller-Gymnasium, sowie am 7. und 8. Mai, 20 Uhr, im Kieler Schauspielhaus als auch am 15. und 16. Mai in der Stadthalle Neumünster zusehen.
Jessica Mielke
|