junges theater spectaculum e.V.

Kieler Nachrichten, Mittwoch, 4. Februar 1998

Hautnah dabei

Lebensgefühle auf die Bühne gebannt: zehn Jahre spectaculum

Man könnte Gunter Hagelberg beinahe den Andrew Lloyd Webber Kiels nennen. Doch die Musicals, die der Lehrer schreibt, haben mit denen des berühmten Kollegen nicht allzuviel gemeinsam. Während der Brite auf Phantasie und Showeffekte setzt, hat Hagelberg "hautnah an der Wirklichkeit" recherchiert, bevor er Stücke wie "Zoff", "Mensch, Menschin" und "Brandsatz" schrieb. Nur für die letzte Produktion "Nova" begnügte sich der 56jährige mit Wissen aus zweiter Hand.

Brandsatz Nova

Zwei der spectaculum-Produktionen: "Brandsatz" (Foto links) und "Nova", das jüngste Werk.

Der Anlaß, der Hagelberg erstmals zur Feder greifen ließ, liegt bereits über zehn Jahre zurück: Seine damals 14jährige Tochter verliebte sich in einen Mitschüler - und zwar in einen, der Drogen nahm. "Ich mußte eine Menge Prinzipien aufgeben", erinnert sich der Lehrer mit Traumberuf Regisseur. Um seine Tochter nicht zu verlieren, sei er ihr in die Szene gefolgt und habe nach und nach das Vertrauen und das Interesse der Jugendlichen gewonnen. In "Zoff" erzählte er mehr oder weniger die eigene Familiengeschichte und verwendete dafür "ganze Dialoge aus dem wirklichen Leben", die er auf Tonband aufgenommen hatte. Ein Theaterverein wurde gegründet, und 1989 feierte das Musical am Gymnasium Kronshagen Premiere. Lothar Köhrsen kümmerte sich damals wie heute um die musikalische Seite.

Später wurde "Zoff" auch im Kieler Schauspielhaus und sogar beim Bundespresseball in Bonn aufgeführt. Die zweite Produktion gab 1991 dem "jungen theater" seinen Namen: Die Sport-Theater-Gala "Spectaculum" brachte 200 Leute mit Rhönrädern, Rollschuhen, Bändern und Bällen auf die Bühne, die zur Live-Musik kleine Geschichten erzählten. 1993 folgte "Mensch, Menschin", in dem es um Frauen- und Männerbilder und um Eßstörungen ging. Zu "Brandsatz" (1995) ließ sich Hagelberg durch Zeitungsberichte über die Gemeinschaftsreise deutscher Skins mit türkischen Jugendlichen in deren Heimat inspirieren. "Meine Frau und ich haben monatelang das deutsch-türkische Volkshaus in Gaarden besucht, um Kontakte zu knüpfen", so Hagelberg. Beklemmende Aktualität erhielt "Brandsatz" auch durch die Lübecker Ereignisse - wenige Tage, bevor spectaculum mit dem Stück in der Hansestadt gastierte, brannte es in der Hafenstraße.

Die Verbindung von Rockmusik, Tanzen und szenischem Spiel macht für Hagelberg die Attraktivität der Stücke aus, in denen Schüler, "Ehemalige", Lehramtsstudenten und Eltern gemeinsam auf der Bühne stehen. "Erwachsenenrollen sollen auch von Erwachsenen gespielt werden", erklärt Hagelberg. Daß die Produktionen überhaupt realisiert werden können, verdankt spectaculum vor allem einer Familie: Die Eltern eines ehemaligen Mitspielers schießen die Produktionskosten in Höhe von rund 80.000 Mark vor und übernehmen auch eventuelle Defizite. "Bei drei von fünf Stücken sind wir am Ende mit Plus-Minus Null herausgekommen." Eines der "Verlustgeschäfte" ist "Nova", in dem Hagelberg das Lebensgefühl der "Generation X" mit der Sprache der Romantik und der Chaosforschung unter einen Musical-Hut zu bringen versuchte. Sein neuestes Projekt: ein musikalischer Brecht am Gymnasium Preetz. Aber das hat mit spectaculum ausnahmsweise nichts zutun. SABINE SPATZEK


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